
Ich bin in einem kleinen, erzkonservativen Dorf mit knapp 1000 Einwohner*innen aufgewachsen. Ein Ort, an dem jede*r jede*n kennt – und noch mehr: wo jede*r meint, alles über jede*n zu wissen – besonders dann, wenn man ein bisschen „anders“ ist.
Ich war als Kind sehr sensibel. Anders als viele Jungs in meinem Alter zog es mich nicht zu Bolzplätzen oder Matchbox-Autos. Ich spürte früh, dass ich feiner fühlte, intensiver träumte und mich für Dinge interessierte, die in meinem Umfeld als „nicht jungstypisch“ galten. Ich war ein stilles Kind, kein angepasstes – aber eines, das oft versuchte, es trotzdem zu sein. In meinem Elternhaus wurde eine eigene Meinung selten eingefordert; es ging mehr um Anpassung – um nicht aufzufallen, um in das System zu passen.
Und dennoch war meine Kindheit schön. Ich erinnere mich an viele Tage draußen in der Natur und an das Spielen im Garten mit meinen Freunden aus der Nachbarschaft.
Während meine Eltern viel arbeiteten, verbrachte ich unzählige Stunden und Qualitätszeit mit meinen Großeltern. Gemeinsam pflanzten wir Gemüse an, pflegten Beete – und zwischen Tomatenstauden und Erbsenreihen lernte ich, was Geduld, Fürsorge und Naturverbundenheit bedeuten. Mein Opa baute mir mit seinen eigenen Händen eine Art Schiffschaukel (damit war ich natürlich der Held in meinem Freundeskreis), eine Wippe und ein Baumhaus. Unser Garten war ein richtiges Abenteuerland, das zum Spielen einlud.
Doch wenn meine Freunde und Freundinnen nach Hause gingen oder ich mich mit mir selber beschäftigte – was ich gut konnte –, verwandelte ich mein Kinderzimmer in eine kleine Bühne. Ich spielte Mutter, Vater, Kind – und übernahm voller Begeisterung die Frauenrolle. Ich tanzte, erfand Geschichten, lebte in meiner Fantasie. Doch immer leise. Heimlich. Ich spürte instinktiv, dass das, was mich ausmachte, nicht den Erwartungen meines Umfelds entsprach.
Ich weiß noch wie heute, wie ich von meinem ersten Geld zur Kommunion voller Stolz die Diamanten-Barbie – weil sie so schön geglitzert hat – kaufen durfte. Nach dem Kauf sollte ich sie dann aber wieder schnell in meinen Schrank legen und nur damit spielen, wenn ich alleine war. Für mich war sie mehr als ein Spielzeug. Sie war ein Symbol für das, was ich im Verborgenen lebte – und verbergen sollte. Diese Momente haben mich geprägt und zu einem inneren Schatz werden lassen – denn sie zeigten mir schon damals, wie viel Freude in freiem Spiel steckt, wenn es ohne Bewertung und Einschränkung geschieht.
Was mich heute besonders berührt: Schon in meiner Jugend fand ich einen Weg, dieses freie Denken weiterzugeben. Ich leitete damals eine Kindergruppe in unserem Dorf – Jungen und Mädchen. Wir bastelten, malten, erfanden kleine Theaterstücke. Ich schuf einen Raum, in dem kreative Ideen erlaubt waren, in dem jedes Kind gesehen wurde – unabhängig davon, ob es lieber Ritter spielte oder sich als Meerjungfrau verkleidete. Vielleicht war das mein erster Schritt Richtung Berufung, ohne es zu wissen.
2020 habe ich mein eigenes Unternehmen gegründet – einen Ort für liebevolle, kreative Kinderbetreuung. Und heute, mit 46 Jahren, bin ich stolz darauf, dass genau dieses kindliche, freie Denken zum Erfolgsrezept meines Unternehmens geworden ist. Ich gebe den Kindern das, was ich mir selbst damals gewünscht hätte: Raum. Respekt. Freiheit. Fantasie.
Bei uns darf alles sein – und alles darf auch mal über den Haufen geworfen werden. Pläne sind gut, aber das echte Leben ist oft viel bunter. Und manchmal ist das größte Geschenk, einfach mit einem Kind im Matsch zu spielen oder ein Prinzessinnenkleid anzuziehen, ohne dass jemand fragt, ob das „passt“.
Ich habe keine eigenen Kinder, aber ich darf heute vielen kleinen Menschen Augenblicke der Freude, des Lachens und der Echtheit schenken – und das ist ein riesiges Geschenk. Es spielt keine Rolle, ob ein Junge mit Puppen spielt oder ein Mädchen mit Bauklötzen Burgen baut. Wichtig ist nur: dass sie spielen dürfen. Ohne Schranken, ohne Schubladen. Denn jedes Kind trägt seine eigene Farbe in sich – und diese darf sichtbar sein.
Vielleicht bin ich heute genau deshalb so erfolgreich, weil ich nie ganz aufgehört habe, Kind zu sein. Weil ich weiß, wie wichtig es ist, gesehen zu werden – wirklich gesehen, so wie man ist.
Und vielleicht ist es genau das, was wir alle ein Stück mehr leben sollten: uns selbst die Erlaubnis zu geben, bunt zu sein. Denn am Ende zählt nicht, ob wir in einem Dorf mit 1000 Einwohner*innen aufgewachsen sind oder in einer Großstadt. Es zählt, ob wir es schaffen, unsere eigene Wahrheit zu leben – und anderen dabei zu helfen, dasselbe zu tun.






