Für eine bunte Kindheit – Wahlfreiheit statt limitierender Rollenklischees

Zwei Kinder klettern im Baum

Es gibt statistisch belegbare Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Fragt sich nur, ob diese Unterschiede die Folge von unterschiedlichen Sozialisationsprozessen sind, sich also erst im Laufe des Heranwachsens herausbilden, oder ob diese Unterschiede von Geburt an bestehen. Das mögen wissenschaftlich wichtige und interessante Fragen sein. Für den Familienalltag und die pädagogische Arbeit mit Kindern spielen sie allerdings keine Rolle. Das hat vor allem drei Gründe:

  • Es gibt keine Studien mit Kindern, die noch nicht in unserer Gesellschaft sind und keine Regeln davon kennen. Prägung beginnt mit Tag eins und sogar noch davor, wenn man sich Gender-Reveal-Videos ansieht, aus denen deutlich wird, wie unterschiedlich die Erwartungen sind, die Eltern an ihr ungeborenes Kind haben.
  • Die biologische Ausbildung von Geschlecht ist ein hochkomplexer körperlicher und geistiger Prozess, in dem Gene, Hormone und die spezifische, nicht immer eindeutige Art und Weise, wie der Körper darauf reagiert, ebenso eine Rolle spielen wie psychische und soziale Gegebenheiten und Veränderungen. Im Ergebnis bedeutet dies, dass wir uns in unserer Geschlechtlichkeit in vergleichbarer Weise unterscheiden wie in allen anderen (äußeren) Merkmalen, Fähigkeiten und Eigenschaften. Wie die Körpergröße ist auch Geschlecht ein Spektrum, das sich nicht in zwei binäre Schubladen pressen lässt. Die (Populär-)Wissenschaft macht es sich da oft leider viel zu einfach, indem sie andere Parameter ignoriert. Sind die konstatierten Unterschiede zwischen Männern und Frauen wirklich in ihrer Geschlechtlichkeit begründet – oder nicht vielleicht doch in der Körpergröße, Links- oder Rechtshändigkeit, Haar- oder Augenfarbe, in ihrer kulturellen Prägung?
  • Diese statistischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind lediglich in den extremen Rändern sicher vorherzusehen: bei Körpergrößen jenseits der 2 Meter ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Person männlich ist. Bei verbreiteteren Körpergrößen um die 1,70 Meter dagegen erlaubt die bloße Körpergröße keinerlei Rückschlüsse auf das Geschlecht, weil es einfach sehr, sehr viele Männer und Frauen gibt, die ungefähr 1,70 Meter groß sind. Anderes Beispiel: Mathematik. Es gibt Menschen mit Dyskalkulie, die einfach große Schwierigkeiten haben, überhaupt rechnen zu lernen. Dann gibt es auf der anderen Seite Menschen, die für ihre mathematische Fähigkeiten mit Preisen geehrt werden. (Warum da relativ wenige Frauen dabei sind, hat sowohl historische wie soziale, aber erwiesenermaßen keine biologischen Gründe!) Die meisten Menschen, egal welchen Geschlechts, befinden sich irgendwo in der Mitte – zwischen den beiden Polen. Und so gibt es in allen Bereichen eine sogenannte Normalverteilung: wenige sehr schlechte, viele irgendwo in der Mitte, und wieder wenige überdurchschnittlich gute.
Mama liest zwei Kindern ein Buch im Park vor

Für den Familienalltag und die pädagogische Arbeit mit Kindern heißt das, egal ob wir es mit einem Jungen, einem Mädchen zu tun haben, oder wir uns nicht sicher sind: das Geschlecht lässt nur in ganz seltenen Fällen gesicherte Rückschlüsse zu, wofür sich Kinder interessieren, was sie gut (lernen) können oder  gerne mögen. Das können wir nur erfahren im Austausch, durch offenes Beobachten, geduldiges Miterleben und offenes Nachfragen, in dem nicht schon die Erwartungen mitschwingen.

Und dann stellt sich die große pädagogische und erzieherische Frage: möchte ich ein Kind in seinen besonderen Interessen und Fähigkeiten weiter fördern? Wenn ein Kind also gerne malt, rechnet oder Fußball spielt, versorge ich es dann mit immer neuen künstlerischen, mathematischen oder fußballerischen Herausforderungen, auf dass dieses besondere Interesse gefördert werde bis zur Perfektion? Oder sehe ich es eher als meine pädagogisch-erzieherische Aufgabe an, (m)ein Kind auch für all die anderen, zum Teil wichtigeren Bereiche des Lebens zu interessieren, Ausgleich zu schaffen und es in Herausforderungen zu begleiten, die ihr*ihm nicht so leichtfallen, gar nicht interessieren oder gar unbekannt sind? Geht es darum, Talente zu fördern oder liegt das Ziel vielleicht eher darin, eine umfassende, lebenswirkliche Bildung zu gewährleisten?

Das Ideal wäre natürlich: Kinder einfach Kinder sein lassen zu können, auf dass sie sich selbst, die Welt und Gesellschaft um sie herum entdecken können, frei und ohne unnötige Einschränkungen und Grenzen. Allerdings werden die äußeren Beeinflussungen, all die versteckten Botschaften und unausgesprochenen Regeln, wie ein richtiges Mädchen zu sein habe, was einen echten Jungen ausmacht, in den vergangenen Jahren immer massiver und allgegenwärtig geworden: ob im Drogerie- oder Supermarkt, in Büchern, Filmen oder Computerspielen, in den (sozialen) Medien oder der Werbung. Kinder einfach Kinder sein zu lassen, würde bedeuten, sie all diesen äußeren Einflüssen ungeschützt zu überlassen, die sie, das ist wissenschaftlich längst nachgewiesen, in ihrer Wahlfreiheit und Entfaltung der Persönlichkeit empfindlich einschränken. Wollen wir das wirklich? Damit Kinder ihre Persönlichkeiten möglichst frei entfalten können, brauchen sie heute mehr denn je erwachsene Begleitpersonen, die ihnen aktiv neue Erlebnisräume schaffen, immer wieder geschützte Rahmen bieten, um sich in ungewohnten Bereichen ausprobieren und erleben zu können, die sie fördern gerade auch in untypischen Interessen, die ihnen Rückhalt geben, als Vorbilder, die auch mal über den eigenen Schatten der sozialen Prägung springen. Dabei geht es weniger um groß angelegte Projekte, sondern um die kleinen Dinge des Alltags: einen Knopf annähen, Suppe kochen oder Kuchen backen, das Fahrrad reparieren, eine Glühbirne wechseln oder den Abfluss reinigen.

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