
Manchmal frage ich mich: Worin wäre ich eigentlich gut gewesen, wenn niemand versucht hätte, es mir vorzugeben? Wenn ich mich nicht schon als kleines Mädchen in ein rosa Glitzerkorsett aus Nettsein, Süßsein und Anpassung geschnürt gefühlt hätte? Wäre ich heute Ingenieurin? Oder würde ich professionell Fußball spielen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber was mir fehlt, ist die echte Chance, es herauszufinden.
Ich war ein “typisches Mädchen”. Oder besser gesagt: Ich wurde dazu gemacht. Meine Pullover hatten Pferde-Glitzer-Aufdrucke, ich bekam Pferdebücher geschenkt, meine erste Zeitschrift war die Wendy. Ich liebte das Reiten. Klar. Was auch sonst? Nebenbei durfte ich aber auch Tennis spielen – genau wie mein Bruder. Und dafür bin ich bis heute dankbar. Aber als ich mal kurz beim Fußballtraining reinschnuppern wollte, merkte ich schnell: Da waren keine anderen Mädchen. Also war das für mich schon wieder Geschichte. Die unausgesprochene Botschaft: Das ist nichts für dich.
Mein Bruder? Der musste nicht lieb sein. Der war wild. Der war cool. Der spielte Fußball, trug dunkelblaue Dino-Shirts und schaute “Die Wilden Kerle”. Auch er hatte keine echte Wahl. Auch er wurde in eine Rolle gepresst. Wir reden hier über Hobbys, aber eigentlich reden wir über etwas viel Größeres. Denn aus Hobbys werden Interessen. Aus Interessen werden schulische Schwerpunkte. Daraus entstehen Berufswünsche, Studienfächer, Karrierewege. Und irgendwann zeigt sich die große Schieflage in unserer Gesellschaft: Der Gender Pay Gap. Der Gender Care Gap. Der Mangel an Frauen in MINT-Berufen. Die wenigen Männer in sozialen oder pflegerischen Bereichen. Und all das beginnt im Kinderzimmer.
Ich arbeite heute als Brand- und PR-Managerin bei Kindsgut. Und mit unserer Bildungsinitiative “Farben sind für alle da” setzen wir uns genau dafür ein: Dass Kinder frei von Rollenklischees aufwachsen dürfen. Dass sie nicht über ihr Geschlecht definiert werden, sondern über ihre Neugier, ihre Talente, ihre Träume.
Und ja, manchmal frage ich mich: Was hätte aus mir werden können? Worin bin ich gut – nicht, weil ich da “reingeschubst” wurde, sondern weil es wirklich meins ist? Und was will ich überhaupt? Abseits davon, was ich glaube, sein zu müssen, um gemocht zu werden? Ein banales Beispiel: Warum schminke ich mich eigentlich (im Gegensatz zu 99% der Männer die ich kenne)? Weil ich es schöner finde. Okay. Aber warum finde ich es schöner? Weil ich damit einem gesellschaftlichen Ideal entspreche. Weil ich gelernt habe, dass ich nur so richtig bin. Weil ich gefallen will. Nicht anecken. Das ist menschlich. Und trotzdem versuche ich gerade, herauszufinden, wie es sich anfühlt, weniger gemocht zu werden – aber dafür mehr ich zu sein.
Oder ein anderes Beispiel: Warum bin ich es, die an alles denkt, bevor es auf einen Ausflug geht? Snacks, Wasser, Sonnencreme, Pflaster – ich packe alles ein. Weil ich es gerne mache? Vielleicht. Weil ich mich verantwortlich fühle? Sicher. Weil ich eine Tasche dabei habe, während mein Partner einfach nur einen Schlüssel in seine Jackentasche steckt? Auch das. Aber vor allem, weil ich gelernt habe, dass es meine Aufgabe ist. Mental Load ist real. Und er betrifft überwiegend Frauen. Studien zeigen: Auch in Partnerschaften, in denen beide Elternteile berufstätig sind, tragen Frauen deutlich mehr Verantwortung für Organisation, Kindertermine, Geschenke, Arztbesuche.
Ihr seht: Es ist nicht leicht. Denn das Patriarchat hat einen langen Atem. Werbung, Medien, Schule, Familie – sie alle tragen ihren Teil dazu bei, wie wir uns selbst sehen. Aber ich bin auf dem Weg. Und vielleicht finde ich ja noch heraus, ob ich doch ein Faible für Physik habe. Oder ob in mir eine unentdeckte Stürmerin steckt. Vielleicht finde ich auch einfach nur zu mir selbst. Und das ist eigentlich schon genug.






