
Ich wusste ja, dass es nicht immer einfach wird. Dass Menschen nachfragen würden. Dass es Momente geben wird, in denen wir schräg angeschaut oder falsch angesprochen werden.
Aber was ich nicht wusste: wie oft wir uns im Alltäglichen erklären müssen.
Dass meine Frau bei der Kinderärztin, an der Supermarktkasse oder auf dem Spielplatz gefragt wird, ob das Kind denn zu ihr gehört.
Dass Menschen sich übertrieben fürsorglich nach dem „echten Elternteil“ erkundigen – und dabei meinen: die biologische Mutter.
Dass sie denken, ich sei „die richtige Mama“ – und meine Frau eben „die Zusatzmama“.
Dabei sind wir beide von Anfang an hier. Beide verbunden, beide zuständig, beide liebend, beide Eltern.
Und bei dem Prozess, den wir als queere Mamas durchhaben, nur um ein Kind zu haben, kann ich sogar sagen: wir wollten das gemeinsame Kind mehr als die meisten Hetero Paare. Denn wenige können von sich behaupten, dass sie 30.000 Euro, Tränen, Sorgen, ein Pflicht-Psychologisches Gespräch, eine Pflicht-Rechtsberatung, einen Sorgerechtsprozess, eine Begutachtung vom Jugendamt und etliche Kinderwunschtermine und die Beantragung von diversen Dokumenten benötigt haben um Eltern zu werden.
„Wie habt ihr das denn gemacht?“
Kaum jemand würde eine heterosexuelle Mutter fragen, ob das Kind „wirklich ihres“ ist oder erstaunt sein über die Ähnlichkeit.
Oder ob der Vater nicht manchmal „fehlt“.
Oder ob das Kind irgendwann mal „normal aufwächst“.
Ich habe inzwischen einen innerlichen Fragen-Katalog, den ich auswendig kann.
Und manchmal frage ich mich: Sind wir Elternteil oder Infostand?
Es ist nicht böse gemeint – aber es ist ermüdend.
Ich weiß, viele Menschen sind neugierig. Manche meinen es wirklich gut. Andere merken gar nicht, wie oft sie Grenzen überschreiten.
Und ja – manchmal lächle ich, manchmal erkläre ich, manchmal kläre ich auf.
Aber an manchen Tagen…
Da will ich einfach nur mit meinem Kind draußen sein, ohne Fragen zu beantworten.
Ohne zu erklären, wie wir schwanger wurden.
Ohne zu rechtfertigen, warum wir keine Vaterfigur „ersetzt“ haben.
Ohne dass unsere Familie analysiert wird, als wären wir ein interessantes Konzept – und kein ganz normales Leben. Dieses ständige Fragen sind Mikroagressionen, denn wenn es den Menschen wirklich, also ich meine wirklich um die Antwort ginge, würden sie googeln.
Zwischen Unsichtbarkeit und totaler Sichtbarkeit
Das Seltsame ist: Als queere Familie sind wir oft unsichtbar – in Formularen, in Standard-Gesprächen, in Elternabenden, in Ratgebern.
Aber wenn wir sichtbar sind, dann komplett.
Dann sind wir Thema, Erklärung, Überraschung, Exotikum.
Dann schauen Menschen uns auf der Straße hinterher oder flüstern beim Babyturnen: „Ach, das ist also das Kind mit den zwei Mamas?“
Wir möchten einfach da sein dürfen.
Nicht auffallen – aber auch nicht übersehen werden.
Nicht kämpfen müssen, um mitgemeint zu sein – und nicht bestaunt werden, weil wir so „modern“ sind.
Wir sind einfach Familie
Was viele vergessen: Für unser Kind ist alles ganz selbstverständlich.
Es kennt uns beide als Mama. Es kennt keine andere Realität.
Die Fragen, die wir bekommen, die Zuschreibungen, die Bewertungen – das alles kommt von außen.
Und manchmal muss ich mich wirklich zusammenreißen, um freundlich zu bleiben, wenn jemand das Verhältnis meiner Frau zum Kind anzweifelt.
Oder denkt, sie sei nur „ein Zusatz“.
Sie ist kein Zusatz. Sie ist Teil. Sie ist mittendrin. Vollwertig. Unverzichtbar. Und in der ein oder anderen Nacht die Rettung.
Was wir uns wünschen
Dass wir uns weniger erklären müssen.
Dass niemand mehr fragt, wer das Kind „ausgetragen“ hat, wenn es eigentlich um Kita-Plätze oder Spielgruppen geht.
Dass andere Familienformen mitgedacht werden, nicht erst auf Nachfrage.
Dass Sichtbarkeit irgendwann keine Sonderrolle mehr bedeutet.
Bis dahin erklären wir weiter – manchmal geduldig, manchmal müde, manchmal genervt.
Aber nie leise.
Weil wir wollen, dass unser Kind in einer Welt aufwächst, in der Familie nicht erklärt werden muss – sondern einfach sein darf.







