
Die ‘Rosa-Hellblau-Falle’ Autorin Almut Schnerring gibt Tipps für eine buntere Kindheit, abseits von Klischees und mit vielen praktischen Ideen für den Alltag.
Wege aus der Rosa-Hellblau-Falle
Komplimente
Mädchen bekommen häufiger Komplimente für ihr Aussehen, Jungen häufiger für das, was sie tun. Fürs Handeln gelobt zu werden eröffnet Chancen und Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen auf das Umfeld, auf das eigene Leben. Komplimente fürs Aussehen dagegen eröffnen wenig Spielraum und Wirkmacht. Mädchen wird damit früh vermittelt, dass ihr Wert von ihrem Aussehen abhängt. Der Fokus darauf macht abhängig vom Blick und Urteil anderer.
Mache einem Mädchen keine Komplimente, die Du nicht auch einem Jungen machen würdest.
Motorik
Jungen werden mehr zu grobmotorischen Aktivitäten ermutigt, und ihnen wird auch ein größerer Krabbelradius zugestanden, die Welt zu erkunden. Mädchen dagegen werden früher zurückgeholt auf den Schoß und sollen sich am Platz beschäftigen. Später wundern wir uns dann, dass Mädchen feinmotorisch begabter scheinen und Jungen angeblich nicht stillsitzen können, dass Männer sich raumgreifender verhalten und Frauen dazu neigen, sich kleiner zu machen.
Im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung: Ermutige Kinder, sich in vielfältigen Situationen und Bereichen zu erleben.
Bewegung
Schon die Bewegungen eines ungeborenen Kindes werden bei gleichem Verhalten unterschiedlich interpretiert: der starke Junge und das sanfte Mädchen. Später im Kita-Alltag werden Mädchen schneller zur Ruhe ermahnt, während Jungen weitertoben dürfen, weil sie angeblich von Natur aus wilder sind. Das ist eine falsche Grundannahme, die sich von Beginn an durchs weitere Leben zieht und so verstärkt wird.
Vorsicht mit den eigenen Erwartungshaltungen und Bewertungen – schnell werden daraus sich selbst erfüllende Prophezeiungen.
Räume
Geschichten, die sich an Mädchen richten, spielen häufiger im Haus oder eigenen Garten, also in geschützten Räumen. Werden dagegen Jungen angesprochen, dann gilt es, ferne Welten zu erkunden. Diese Trennung der Sphären „innen – außen“, „Haushalt/Familie – Beruf/Politik“, beeinflusst auch später die Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern.
Lies Kindern vielfältige, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählte Geschichten vor und vermittle ihnen auch untypische Erfahrungswelten.
Eigenschaften
Die Zeichnung von einem lachenden Gesicht wird von Kindern eher weiblich eingeordnet, einen grimmigen Blick nehmen die meisten männlich wahr. Während Kinder lernen Kategorien zu bilden, neigen sie dazu, Eigenschaften und auch Dingen ein Geschlecht zuzuschreiben. Sprache ist ein gutes Mittel, strikte Zuordnungen aufzubrechen und zu hinterfragen. „Der Bär“ wird ohne klischeehaft weibliche Attribute (Schleife, Pink, Kleid …) eher männlich gelesen, und Tiere mit grammatikalisch weiblichem Artikel haben in Medien häufig stereotyp weibliche Eigenschaften (Die ängstliche Maus, die fleißige Biene …).
Vertausche Eigenschaften, jongliere mit Zuweisungen und ermögliche Kindern, sich jenseits von Stereotypen auszuprobieren. Eine inkludierende, geschlechtersensible Sprache hilft dabei.
Risiko
Da Jungen mehr als Mädchen dazu ermutigt werden, sich auszutesten und über ihre Grenzen zu gehen, weil rücksichtsloseres Verhalten bei ihnen eher toleriert wird als bei Mädchen („boys will be boys“), verletzen sie sich auch häufiger und haben mehr Unfälle. Mädchen werden dagegen öfter angehalten, vorsichtig zu sein und auf sich aufzupassen. Die Folgen sind auch im Erwachsenenleben zu beobachten, im Straßenverkehr, an der Börse oder am Arbeitsplatz.
Hilf Kindern, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und die Freiheit anderer zu wahren.
Spielzeug
Die Spielwelten von Kindern sind seit vielen Jahren zunehmend farblich markiert und damit stark normiert, sodass Kinder manchmal gar nicht auf die Idee kommen – oder sich nicht trauen –, untypische Interessen zu äußern und diesen nachzugehen. Das führt dazu, dass ihnen der spielerische, unbekümmerte Zugang zu vielen Lebensbereichen verwehrt bleibt. Das alles in späteren Jahren nachzuholen, gelingt nicht immer.
Biete Kindern von Anfang an die ganze bunte Welt an, lass sie öfter selbst entscheiden statt vorzusortieren.
Ernährung
Schon früh essen Mädchen mehr Obst und Gemüse, Jungen dagegen mehr Fleisch und Süßigkeiten. Jungen werden häufiger angehalten, ihren Teller leer zu essen, damit sie groß und stark werden, während schon kleine Mädchen lernen, auf ihr Gewicht zu achten. Unerreichbare Schönheitsideale können bei Mädchen zu Essstörungen führen, und eine ungesündere Ernährung ist einer der Gründe, weshalb Männer im Durchschnitt fünf Jahre kürzer leben als Frauen.
Mach gesunde und genussvolle Ernährung zu einem Erziehungsziel für alle Kinder.
Gefühle
Jungen können im Durchschnitt weniger Gefühle benennen, was häufiger dazu führt, dass sie Trauer oder Angst als Wut einordnen und entsprechend reagieren. Mit ihren Töchtern sprechen Väter offener über Gefühle, auch über ihre eigene Traurigkeit, mit Söhnen dagegen wählen sie rauere Spiele und nutzen eine leistungsbezogenere Sprache („stolz“, „gewinnen“, „spitze“). Empathie wird gelernt und kann gefördert werden, oder eben nicht.
Emotionen haben kein Geschlecht. Ermögliche es Kindern, die gesamte Palette menschlicher Gefühle zu erspüren und zu benennen.
Berufe
Mädchen bekommen häufiger haushaltsbezogenes Spielzeug geschenkt, Jungen bekommen stattdessen mehr Technik. Diese frühe Einschränkung führt dazu, dass viele Männer sich auch später unbeholfen fühlen in der alltäglichen Familienarbeit, in der Pflege oder bei der Betreuung von Kindern, und Frauen entsprechend im technischen Bereich, bei Reparaturen oder handwerklichen Arbeiten. Der daraus folgende Gender Care Gap, also die ungleiche Verteilung der Sorge- und Kümmerarbeit, ist die Hauptursache der meisten Geschlechterungerechtigkeiten.
Wahlfreiheit und Geschlechtergerechtigkeit beginnen im Kinderzimmer.







